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Akademische Freiheit

Qui tacet, consentire videtur

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Hannover

Globaler Wokeismus

Weltweit mehren sich „woke“ und „identitätspolitische“ Forderungen an Politik, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft. Gleichsam wächst die Kritik an diesen aktivistischen und mitunter militanten Strömungen. Dabei haben beide Phänomene eine recht humanitären, gesellschaftskritischen Hintergrund.

Woke leitet sich von „woken“ (aufwachen) und hat seine Ursprünge in der afroamerikanischen Antirassismusbewegung. Der Begriff wird heutzutage nicht nur mit antirassistischer sondern auch mit feministischer, queerer und allgemein linker Identitätspolitik in Verbindung gebracht. Identitätspolitik selbst hat ihren Ursprung sogar in einem konservativen Gegenentwurf zum Universalismus der Aufklärung. Ihre heutige Auslegung mit dem Fokus auf marginalisierte Gruppen stammt gleichwohl ebenfalls aus den USA. Wie wirkt sich dieses woke Treiben auf die Wissenschaftsfreiheit in anderen Ländern aus.

USA:

In den USA sind die woken Ansichten schon tief in wissenschaftliche Strukturen vorgedrungen und kollidieren dort mit den freiheitlichen Ideen des „land of the free“. Glaubt man den Zahlen so muss man sich über die „academic freedom“ in den USA ernsthafte Sorgen machen. Der Cicero liefert eine kleine Bestandsaufnahme:

„Fast ein Viertel der amerikanischen Sozial- oder Geisteswissenschaftler im akademischen Betrieb findet, dass es legitim sei, einen Kollegen vor die Tür zu setzen, wenn dieser eine „falsche Meinung“ zu Themen wie Einwanderung oder Geschlechtsunterschieden vertritt. Ein Drittel der Konservativen im amerikanischen Hochschulbetrieb gibt an, dass ihnen wegen ihrer Ansichten bereits disziplinarische Maßnahmen angedroht wurden. Und vier von fünf amerikanischen Doktoranden sind laut einem Bericht des „Center for the Study of Partisanship and Ideology“ dafür, rechtsgerichtete Wissenschaftler – oder jene Kollegen, die sie als solche identifiziert haben wollen – zu diskriminieren.“ (siehe auch Pano Kanelos)

Im März 2011 kam es zur Gründung der Academic Freedom Alliance. Vor wenigen Wochen wurde die Neugründung einer „anti-woken“ Universität in Austin angekündigt. Jene wolle schon Anfang 2022 die Lehrtätigkeit aufnehmen.

FRANKREICH:

Die französische Feministin Caroline Fourest fast die Methoden mit Auswirkungen aufs europäische „land of the free“ in ihrem Essay „Generation Beleidigt“ passend zusammen:

Man nimmt Anstoß am geringsten Widerspruch, der als „Mikroaggression“ wahrgenommen wird, was so weit geht, dass man „Safe spaces“ fordert: sichere Räume, in denen die Leute unter sich bleiben und lernen, dem Anderssein und der Debatte zu entfliehen. Selbst das Rederecht wird einer Genehmigungspflicht unterworfen, je nach Geschlecht und Hautfarbe. Eine Einschüchterung, die bis zur Entlassung von Professoren geht.

Frankreich hält sich noch ziemlich gut. Doch gehen auch in diesem Land bereits Gruppen von Studenten gegen Ausstellungen und Theaterstücke vor, um deren Aufführung zu unterbinden, oder einen Redner, der ihnen missfällt, am Reden zu hindern. Manchmal zerreißen sie auch seine Bücher: Autodafés, die an das Schlimmste erinnern.

Diese Kulturpolizei geht von keinem autoritären Staat aus, sondern von der Gesellschaft und insbesondere von einer Jugend, die „aufgeweckt“ sein will, weil ultraempfindlich gegen jedwede Ungerechtigkeit. Was großartig wäre, wenn sie dabei nicht auf Unterstellungen und inquisitorische Methoden verfiele. Die Millennials gehören weithin einer identitären Linken an, die den wesentlichen Teil der antirassistischen Bewegungen und der LGBTQI-Szene beherrscht und sogar den Feminismus spaltet.

Neben der Spaltung des Feminismus geht ein weiterer Riss durch die französische Nation. Spätestens seit dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo streitet man über den richtigen Umgang mit radikalen Strömungen des Islams. Eine erneute Zuspitzung ereignete sich mit der Ermordung des Lehrers Samuel Paty im Oktober 2020. Unter #JeSuisProf formierte sich eine Solidarisierungkampagne. Doch schon im März 2021 standen erneut zwei Professoren an der Universität Grenoble am Pranger und unter Polizeischutz. Ihr Vergehen: Einer wollte Islamohobie nicht neben Rassismus und Antisemtismus auf einer Einladung platzieren, da es hier Überschneidungen mit Rassismus gäbe. Ein anderer Kollege tat nichts anderes, als sich mit dem gescholtenen zu solidarisieren. Es wurde sogar der groteske Vorwurf der Islamophobie erhoben, gleichwohl Professor Klaus Kinzler selbst mit einer Muslima verheiratet ist.

GROSSBRITANNIEN:

Das deutsche Netzwerk Wissenschaftsfreiheit berichtet über den Fall der britischen Philosophin Kathleen Stock, welche als genderkritische Feministin ihre Professur in Sussex aufgab:

Eine jahrelang gegen die Philosophin Kathleen Stock betriebene Kampagne wegen angeblicher „Transphobie“ führt zum Rücktritt von ihrer Philosophieprofessur an der University of Sussex. An den verleumderischen Aktionen gegen Stock hatten sich mit einem gegen sie gerichteten „Offenen Brief gegen Transphobie in der Philosophie“ im Januar 2021 auch deutsche Hochschullehrer beteiligt: darunter Professoren, Postdocs und Doktoranden an der FU und der HU Berlin, der RUB, der LMU München, der RWTH Aachen sowie an den Universitäten Augsburg, Bielefeld, Erfurt, Hannover, Köln, Konstanz, Leipzig, Münster, Potsdam und Tübingen.“

Auf dem Medienblog Übermedien beschreibt man den Sachverhalt anders und versucht durch die Aneinderreihung und Einordnung der Vorwürfe die folgende Frage zu beantworten.

Die britische Philosophin Kathleen Stock ist nach jahrelangen harten Auseinandersetzungen mit transgender Aktivist:innen von ihrem Posten zurückgetreten. Ist das nur ein weiteres Beispiel für die Bedrohung akademischer Freiheit durch eine „woke“, linke „Cancel Culture“, als die es große Teile der deutschsprachigen Medien darstellen?

Seites der britischen Regierung wurde im Jahr 2021 ein Gesetzesentwurf (Higher Education (Freedom of Speech) Bill) vorgelegt mit dem Ziel, die Freiheit in der Wissenschaft zu schützen. Die Unvereinbarkeit der Meinungen und Positionen wird durch die darauf erfolgten Reaktionen deutlich. Die Kritik an dem Gesetz wurde nämlich vornehmlich mit dem Schutz der Akademischen Freiheit begründet. Diesbezüglich ist man sich zumindest begrifflich einig, allein die Auslegung dürfte eine andere sein.

Weiterführendes:

★ Astrum und die AStAnauten ★

AStA Landkarte

Schon seit unserem ersten Beitrag ist augenscheinlich, welche Rolle politische Symbolik in einigen studentischen Kreisen spielt. Selbstverständlich steht es jeder politischen Gruppe (Initiative, Hochschulgruppe, Organisation) frei sich ad libitum zu schmücken und zu präsentieren. Anders verhält es sich mit unabhängigen Gremien (AStA, Vollversammlung, Parlament, Fachschaften) welche jegliche symbolische Ideologisierung vermeiden sollten. Dies tun sie gleichwohl allzu oft nicht, wie wir auch andererorts festgestellt haben.

Schaut man auf unsere Karte, welche keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, so schießt Berlin wie so oft sicherlich den Vogel ab. Die AStAs aller drei großen Universitäten (TU, HU, FU) gönnen sich einen was gleichwohl auch in anderen Branchen nicht unbedingt als Qualitätszeichen gilt. Selbst die Berliner Landesastenkonferenz (LAK), welche die Asten aller Berliner Hochschulen zusammenbringt, gönnt sich als ihr zentrales Symbol eine Art grinsendes Gummibärchen vor einem Stern.

Diese Sterneliebhaberei an der Spree wurde 2013 von der lokalen Zeitung BZ thematisiert, als der AStA der Technischen Universität (TU) ausgerechnet einen RAF-Terroristen (Sterneliebhaber mit Maschinenpistole) zur Thematik „Wenn aus Studierenden Staatsfeinde werden – Weiße Rose, RAF und noch mehr“ sprechen ließ. Der einladende AStA erwiderte die Kritik des Blattes durch eine eigene Interpretation ihres Symbols. Weiterlesen „★ Astrum und die AStAnauten ★“

Narrenmatt im Welfengarten

narrenmatt

Am 16. November 2016 tagte in Raum E 415 die Studentische Vollversammlung (VV) der Leibniz Universität Hannover (LUH) zu einem inoffiziellen Turboschachturnier, welches sich vorzüglich aus dem Turnierprotokoll rekapitulieren läßt.

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Weißer Bauer von f2 auf f3

Zwei Studenten sahen das Unheil kommen und beantragten ein ausnahmsloses Schachverbot auf dem Gelände der Universität Hannover. Dieses wurde ihrerseits hieb- und stichfest (zwölffach) begründet.

bauersSchwarzer Bauer von e7 auf e6

Team Schwarz kontert mit einem Antrag auf Verschiebung des Wichsverbot-Antrages nach vorne da „Verbindungsstudent*innen würden ja VV verlassen – was zu begrüßen wäre“ sowie den Aufschub des Schachverbot-Antrages nach hinten, da über diesen Antrag seitens der Sitzungsleitung schon einstimmig entschieden wurde. Weiterlesen „Narrenmatt im Welfengarten“

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